Worum handelt es sich?

Am 22.6.2016 wurde im Tempelbezirk auf dem Frauenberg neben der spätantiken Schlauchheizung ein Metallobjekt gefunden, das einige Rätsel aufgibt: Mittlerweile zeigte sich nach einer ersten fachgerechten Reinigung, dass das Stück aus Bronze besteht und vergoldet ist. Handelt es sich um ein Teil einer Architekturdekoration oder Bauornamentik oder um ein Teil einer Skulptur? Könnte es ein halbes Blitzbündel des Gottes Jupiter gewesen sein? Oder gehörte es zu dem Weihgeschenk, dem auch die Merkurstatue und der Altar des Cassius Fortunatus zuzurechnen ist? Mögliche Ideen / Vorschläge / Rekonstruktionsmöglichkeiten zu dem Stück bitte per email an: office@asist.at

Frauenberg

Neuerscheinung:
Zentralort und Tempelberg

Neu erschienen (November 2016) ist beim Phoibos–Verlag eine Publikation mit dem Titel: Zentralort und Tempelberg. Siedlungs- und Kultentwicklung am Frauenberg bei Leibnitz im Vergleich (herausgegeben von Manfred Lehner und Bernhard Schrettle). Das Buch beinhaltet 14 Artikel zum Thema, wobei der Frauenberg behandelt wird, aber auch andere Fundplätze in Österreich, Deutschland und Slowenien. In dem Band, der auf ein internationales Kolloquium zurückgeht, das im Mai 2015 im Schloss Seggau stattfand, werden historische Fragen sowie Untersuchungen zu archäologischen Themen, die auch den Kultplatz auf dem Frauenberg betreffen, thematisiert. Zu beziehen beim Phoibos-Verlag (www.phoibos.at).

Frauenberg

Phoibos-Verlag

Hermes
Merkur vom Frauenberg

Die leicht unterlebensgroße Marmorstatue des Gottes Merkur stammt aus der Verfüllung einer Grube im kaiserzeitlichen Heiligtum. Sechs Bruchstücke, darunter der Torso, das linke Bein mit einem Widder als Stützfigur sowie weitere Fragmente wurden dort in den Jahren 2015 und 2016 geborgen. Die Bedeutung des Merkur im Tempelbezirk auf dem Frauenberg wird durch diesen Neufund deutlich, der gemeinsam mit einem Altar in einer Aedicula (einer Art Kapelle) im Heiligtum aufgestellt gewesen sein muss. Die Qualität der Skulptur legt nahe, dass es sich um ein Importstück handelt. Neben einer typologischen Untersuchung der Statue, für die griechische Vorbilder angenommen werden können, könnte eine naturwissenschaftliche Untersuchung des Marmors Aufschlüsse zu ihrer Herkunft bringen. Innerhalb der Provinz Noricum gehört der Neufund mit Sicherheit zu den qualitätvollsten Marmorskulpturen, darüber hinaus ist die Statue aufgrund des guten Erhaltungszustandes als Besonderheit zu werten.

Frauenberg

Spätantiken Demolierung
des Areals

Die Fundsituation in einer Grube, die einer spätantiken Demolierung des Areals entstammt, gemeinsam mit Votivstatuetten der ebenfalls im Heiligtum verehrten Muttergöttinnen, lässt auf eine Aufstellung in unmittelbarer Entfernung schließen, als Stifter ist sind die inschriftlich genannten Caius Cassius Fortunatus und dessen Frau Iulia Flavina anzunehmen. Der Tempelbezirk auf dem Frauenberg bei Leibnitz – inmitten einer ursprünglich keltischen Siedlung – gehört zu den wichtigsten Fundstellen der Steiermark. Die Kenntnis der Götterwelt, die die Verbindung der Verehrung einheimisch-keltischer mit römischen Göttern widerspiegeln, wird durch den Neufund bereichert, der auch aufgrund seiner künstlerischen Qualität an sich eine gründliche Untersuchung verdient.

Frauenberg

Der Frauenberg bei Leibnitz
Kultzentrum und Tempelberg

Auf dem Frauenberg bei Leibnitz befinden sich zweifellos mehrere der historisch und archäologisch bedeutsamsten Fundstellen der Steiermark. Die ältesten Funde stammen aus der Jungsteinzeit, und auch aus der Kupferzeit und der darauf folgenden Bronzezeit kennen wir Reste der Frauenberger Siedlungen. Am Ende der Urnenfelderzeit kam es zur Herausbildung einzelner größerer Zentren, wobei die gut befestigten Höhensiedlungen darauf schließen lassen, dass es eine Zeit kriegerischer Auseinandersetzungen war. In der Eisenzeit formierte sich schließlich ein machtvolles Zentrum in der Weststeiermark, am Burgstallkogel bei Großklein, das als Fürstensitz gilt und wohl überregionale Bedeutung erlangte. Auch auf dem Frauenberg gab es in dieser Zeit eine Siedlung, von der zahlreiche Gräber in Leibnitz-Altenmarkt Zeugnis ablegen. Eine zentralörtliche Funktion erlangte die Niederlassung vermutlich dann in der Zeit der Kelten, als einzelne Stämme, die wir nicht mit Sicherheit benennen können, in den südsteirischen Raum vorrückten. Archäologisch konnten in den letzten 30 Jahren zahlreiche Bereiche dieses bisweilen als oppidum bezeichnetenOrtes untersucht werden, wobei neben Grabungen des Landesmuseums Joanneum auch Untersuchungen durch das Bundesdenkmalamt und durch das Österreichische Archäologische Institut zur Erforschung beitrugen.

Frauenberg

Spektakuläre Notgrabung

Spektakulär waren die Notgrabungen auf den Perl-/Stadläckern, einer etwas tiefer gelegenen Terrasse am Westhang der Siedlung. Dort konnte ein Heiligtum, bestehend aus einem etwa 90 x 60 m messenden etwa 5 m breiten Graben, einer inneren Holzpalisade und verschiedenen weiteren hölzernen Baustrukturen, teilweise freigelegt und untersucht werden. Über das Kultgeschehen können wir uns aus analogen Befunden sowie aus dem Fundmaterial ein vages Bild machen: Im Rahmen von großen kultischen Zusammenkünften wurden unzählige Rinder geopfert und einzelne Teile – interessanterweise fast ausschließlich die Schulterknochen - in den Gräben deponiert. Auch Münzen, Trachtbestandteile und Waffen, die zuvor noch absichtlich verbogen und somit unbrauchbar gemacht worden waren, wurden im Graben geopfert. Die Bedeutung des Heiligtums zeigt sich an der Menge der Rinder, die hier geopfert wurden: Viele Tausend Individuen lassen sich allein aus den Knochen erschließen, die bei der Grabung, die aber nur einen Ausschnitt der Gesamtanlage umfassen konnte, gefunden wurden.

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Festmahl & Trankopfer

Aus der römischen Kaiserzeit kennen wir ein Heiligtum in zentraler Lage am Frauenberg. Dessen Erforschung begann in den Fünfziger Jahren, als man den Unterbau eines vergleichsweise gut erhalten Tempels freilegte. In den letzten zehn Jahren wurde das etwas höher gelegene Areal westlich dieses Baus besser erforscht und dadurch wertvolle Befunde dokumentiert. Diese reichen bis in Latènezeit zurück. Pfostengruben, die als Reste eines Holzbaus anzusehen sind und andere kleinere Gruben enthielten Fundmaterial, von dem die vielen Amphorenbruchstücke am interessantesten sind. Sie zeigen, dass bereits im späten 2. Jh. v. Chr. Wein aus Italien hierher verbracht wurde. Er wurde wohl hier konsumiert, die Amphoren anschließend zerschlagen, sodass von den großen Transportgefäßen nur kleine Fragmente übrig blieben. Dieser Vorgang des Zerschlagens kann mit Kultpraktiken verbunden werden, wie sie in spätkeltischen Kontexten manchmal belegt sind. Auch in dem tiefer gelegenen zuvor angesprochenen Kultbezirk wurden Festmahle abgehalten, Wein konsumiert und Trankopfer dargebracht, das blutige Opfer, vom dem die Tierknochen zeugen, und das mit dem Wirken der Druiden verbunden werden kann, trat demgegenüber allmählich in den Hintergrund, bis es in der Kaiserzeit gänzlich verboten wurde.

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Erster Steinbau im Tempelbezirk

Der erste Steinbau im Tempelbezirk stammt aus dem mittleren 1. Jahrhundert n. Chr., es handelt sich um einen einfachen viereckigen Bau, der ein Vierteljahrhundert später von einem größeren Umgang umgeben wurde. Die Rekonstruktion dieser bereits monumental ausgestalteten Anlage ist noch nicht geklärt. Offenbar war der Kultbau bereits nach Osten ausgerichtet und orientierte sich auf einen Altar hin, der in einer axialen Beziehung stand und über eine breite Freitreppe mit dem Tempel verbunden war. Als in der spätflavischen oder trajanischen Epoche der große Podiumstempel erbaut wurde, wurde dieser im abschüssigen Gelände so weit nach Nordosten gerückt, dass der ältere Altar seinen Platz behalten konnte. Als Zugang zum Tempel diente nicht eine breite Freitreppe, wie sie bei vergleichbaren Bauten gebräuchlich war, sondern zwei schmälere Treppen, in deren Zwischenraum ausreichend Platz für den älteren Altar blieb. Unklar ist die Gestaltung des Areals südlich davon. Mit großer Wahrscheinlichkeit kann man aber von weiteren sekundären Bauten wie kleineren Kapellen oder Hallen ausgehen.

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Frauenberger
Heiligtum

Die Bedeutung des Frauenberger Heiligtums für das municipium Flavia Solva ist leider noch zu wenig bekannt, man kann aber wohl davon ausgehen, dass es eine zentrale Rolle für die Stadt gespielt hat. Die Funktion von Heiligtümern als identitätsstiftende Orte, an denen an jährlich wiederholenden Festen die für das Gemeinwesen grundlegenden Mythen tradiert und gepflegt wurden, ist für römische Städte hinlänglich untersucht worden. In Orten der gallo-römischen Provinzen, in denen eine starke keltische Tradition wirkte, waren die Heiligtümer häufig auch der Sitz der civitates, die dort ihre Zusammenkünfte abhielten. Für den Frauenberg ist eine vergleichbare Funktion noch nicht belegt, nicht einmal eine sichere Benennung der Tempel ist derzeit möglich. So wurde der Podiumstempel als ein Isis-Tempel angesehen, und die Angleichung der Isis mit der Göttin Noreia, die in Inschriften aus Kärnten bekannt ist, auch für diesen Kult in Betracht gezogen wird. In der im Osten an das Stadtterritorium anschließenden colonia Claudia Savaria, dem heutigen Szombathely, gehörte Isis ebenfalls zu den prominenten Gottheiten, weshalb deren Verehrung auch auf dem Frauenberg angenommen werden kann. Inschriftlich belegt sind noch die Götter Mars Latobius und die Pferdegöttin Epona; zwei Votivstatuetten einer sitzenden Frau, die allerdings nicht näher benannt werden kann, sind noch zu nennen.

Frauenberg

ungeklärte Fragen

Zum kaiserzeitlichen Heiligtum gibt es also jede Menge ungeklärte Fragen; was jedoch mit Sicherheit gesagt werden kann, ist, dass der Kultplatz am Berg einen besonderen Stellenwert für die Bevölkerung Flavia Solvas eingenommen haben wird. Als sich in der mittleren und späteren Kaiserzeit die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen änderten und unter dem Druck germanischer Stämme die Grenzverteidigung neu organisiert werden musste, erhielt der Frauenberg abermals eine neue Bedeutung. Eine kleinere militärische Einheit wird inzwischen von den meisten Archäologen hier vermutet und, als sich die unsichere Lage in der nicht befestigten Stadt an der Mur bemerkbar machte, ein verstärkter Zuzug aus der Ebene und dem Umland angenommen.

Frauenberg

Tempelmuseum Frauenberg

Archäologische Schätze im Südsteirischen Weinland

Auf Spurensuche im keltischen Heiligtum auf dem Frauenberg

Tempelberg und Zentralort?

Siedlungs- und Kulturentwicklung am Frauenberg/LB im Vergleich


Grabung Frauenberg


Dieses Projekt wird aus Mitteln des AMS, dem Europäischen Sozialfonds und des Landes Steiermark gefördert.